Peter-Wust-Preisverleihung an Léon Zeches
am 25. März 2007
im Großen Sendesaal des
Saarländischen Rundfunks (Saarbrücken)

Inhalt
  • Gisbert Eisenbarth, Vorsitzender der CEB: Begrüßung
 
  • Jürgen Doetsch, Direktor der Katholischen Akademie Trier: „Wenn du stille wirst, wird dir geholfen.“ Anmerkungen zu Peter Wust
 
 
 
Gisbert Eisenbarth, Vorsitzender der CEB

Begrüßung

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Katholische Akademie Trier und die Christliche Erwachsenenbildung Merzig be-grüßen Sie ganz herzlich zu der heutigen Feierstunde, anlässlich der Verleihung des diesjährigen Peter-Wust-Preises.

Dieser Preis wird heute zum 25. Mal verliehen. Er ist dem Gedenken des christlichen Existenzphilosophen Peter Wust gewidmet, der in Rissenthal, einem Ortsteil der Gemeinde Losheim am See, 1884 geboren wurde.

Dort hat er seine Jugend verbracht und Zeit seines Lebens war er seinem Heimatort sehr verbunden. An den elsässischen Pfarrer Karl Pfleger schreibt er: „Vom Dorfe gekommen, habe ich 1900 um des Geistes Willen das Dorf verlassen, um dann dreißig Jahre später zu erkennen, dass ich zur Weisheit des Dorfes wieder zurückkehren musste.“

Im Vorwort zu seinem Buch „Gestalten und Gedanken“ schreibt er: „Es sollte auf dem Hintergrund eines brüchigen Zeitalters das Seelendrama einer kleinen dörfischen Einzelexistenz dargestellt werden. Wie dieser an sich unbedeutende Einzelmensch als ein ‚verlorener Sohn’ die friedlich umhegte kleine Welt seiner Dorfheimat verlässt, um den Lockungen des Geistes da draußen in der Welt zu folgen, darüber jedoch allen festen Grund und Boden unter den Füssen verliert, bis er sich wieder auf Her-kunft und Heimat besinnt.“

Nach dem für Deutschland verlorenen Krieg kam Wust 1918 zu dem Schluss, dass diese Niederlage auch eine geistige Niederlage war, und dass das Land nur mit geis-tigen Waffen wieder aufgerichtet werden könne.

Seine Vision war die geistige und moralische Erneuerung des Landes. Er traf sich oft im Kreise katholischer Intellektueller. Sie hatten eines gemeinsam: Sie fühlen sich zu Frankreich hingezogen.

Er knüpfte Kontakte zu Vertretern des „Renouveau Catholique“, der katholischen Er-neuerungsbewegung in Frankreich.

Peter Wust wollte, einer inneren Berufung folgend, Apostel werden, nicht nur im eigenen Land, sondern in ganz Europa, das sich seit den Tagen der Aufklärung weitgehend vom Christentum abgewendet hatte.

Seine Philosophie zielte auch auf die kulturelle Einheit Europas.
Als er 1928 Paris besuchte, um sich mit den Männern des „Renouveau Catholique“ zu treffen, pilgerte er gleich zur Notre Dame, um sich am Bekehrungspfeiler Paul Claudels zu sammeln und Gott für seine große Gnade zu danken, in Paris im betenden Frankreich sein zu dürfen.

In seinem Bericht „Pariser Rechenschaft“ schreibt Peter Wust: „ Meine Reise nach Paris ist die große Etappe in meinem Leben.“

Heute wird in Rom und Berlin feierlich der 50. Jahrestag der „Römischen Verträge“ begangen. Mit diesen Verträgen wurde der enge Zusammenschluss der europäischen Völker in wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt sowie die Wahrung von Frieden und Freiheit angestrebt.

Mit Befriedigung können wir feststellen, dass in diesen fünf Jahrzehnten große Fort-schritte erzielt wurden.

Waren es 1957 sechs Staaten, die die Verträge unterschrieben, darunter neben Ita-lien und Frankreich auch Deutschland und Luxemburg, so sind es heute 27 Staaten, die der Europäischen Union angehören.

Peter Wust hat mit seinem Leben und Wirken und mit seiner Philosophie, insbeson-dere als Hochschullehrer, ein wenig die geistige Erneuerung Europas beeinflusst.

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Jürgen Doetsch, Direktor der Katholischen Akademie Trier
„Wenn du stille wirst, wird dir geholfen!“ -
Anmerkungen zu Peter Wust

Wer einen Peter-Wust-Preis stiftet, hat sich Rechenschaft darüber zu geben, wie dieser Preis rückgebunden bleibt an den Namensgeber und nicht nur darüber, was den Preisträger so besonders auszeichnet. In drei kreisenden Anmerkungen möchte ich mich mit Ihnen dem Leben und Werk jenes Mannes annähern, der dem ausgelobten Preis, der heute verliehen wird, seinen Namen gibt und über den Namen hinaus in dieser Weltstunde, die wir erleben, etwas zu sagen hat. Meine Anmerkungen bilden einen Dreiklang, ohne dass ich ihn in drei Schritten gliedern werde, sondern ineinander verwoben betrachte, etwa so:

  1. Der Gott oder die Religion
  2. Die Welt oder die Kultur
  3. Der Mensch oder die Verantwortung

Peter Wust gehört nicht zu den Philosophen, denen ich während meines Studiums begegnet bin, jedenfalls erinnere ich mich nicht. Ich muss bekennen, wäre er mir be-gegnet, er hätte mich wenig interessiert. Er wäre einem jugendlichen Hochmut zum Opfer gefallen, der gnadenlos alles als wenig relevant abtut, was nicht sogleich in sein kleines, selbst gezimmertes Weltbild passt. Erst in späteren Jahren und mit Beginn einer Sehnsucht nach Erkenntnis, die prägt und bleibt, begegnet mir Peter Wust in Gestalt seines Werkes „Ungewissheit und Wagnis“, das mir ein Studienkollege schenkte. Von der Hand Peter Wusts selbst findet sich die Widmung an Pastor Dr. Wilhelm Templin, die er überschreibt: „Wenn du stille wirst, wird dir geholfen.“ Die Worte, die so einfach sind und ohne Scheu dastehen, rühren mich bis heute. Sie geben einmal Zeugnis von einem Lebensweg, dem es an Unruhe und Unsicherheit, an Zweifel und Irrungen nicht gemangelt hat, sodann Zeugnis vom Ziel, nämlich die Hilfe anzunehmen, ohne die kein Leben auskommt, auch und gerade das des Philosophen nicht und auch nicht das des Christen, insofern er Christ ist. Der Christ Peter Wust verlor etwa ab Ostern 1905 mit 21 Jahren nach eigenen Angaben den Glauben, ohne den Faden zur Kirche gänzlich zu zerreißen. Erst ab dem 04. Oktober 1918 nähert er sich langsam wieder dem Glauben „an so etwas wie einen persönlichen Gott“. Diese Suche führt ihn in der Osternacht 1923 wieder in die kirchliche Gemeinschaft vollständig zurück. Bis zu seinem Tod am 03. April 1940 gibt er Zeugnis von einem kindlichen – nicht kindischen – Glauben. Am Ende seines Lebens kann er seinen Schülern im Abschiedswort im Advent 1939 schreiben: „Die großen Dinge des Daseins werden nur den betenden Geistern geschenkt.“ Man kann drei Phasen des Glaubens im Leben von Peter Wust unterscheiden, die sämtlich fast gleich lang andauerten: Die Phase der Prägung und Suche (1884-1905), die Phase der Skepsis und der Läuterung (1905-1923), die Phase des Gebets und der Hingabe (1923-1940). Das Gebet nennt er selbst „einen Zauberschlüssel, der einem das letzte Tor zur Weisheit des Lebens erschließen könne“, weil es in den tiefen Raum der Humanität führt. Was damit gemeint ist, beschreibt er in einem Brief an seinen Freund Karl Pfleger im Juli 1935: „Als Philosoph wollte ich leben und starb darüber als Mensch und nun lerne ich es, dass man als Philosoph zuerst sterben muß, sterben zu den Füßen des Heilandes am Kreuz, um so erst, in der Gnade, als Mensch wiederauferstehen zu können.“ Diese Ostererfahrung, das Auferstehen des Menschen als von Gott begnadeter Mensch, ist es, die tragfähig im Leben von Peter Wust geblieben ist, so dass er am Ende schreiben kann: „Beten lernen aber kann man am besten im Leiden.“ Im Zusammenklang mit dem Abschiedswort ist es das physische Leiden seiner unheilbaren Erkrankung. Gemeint ist aber auch das Leid des Scheiterns, von dem Wust ebenfalls in diesem letzten Wort an die Studenten spricht. „Gerade der Begriff des Scheiterns (spielt) in der Philosophie der Gegenwart eine so große Rolle .., und zwar in der schwer durchschaubaren Doppelsinnigkeit, in der er zwischen den beiden Gruppen der an Gott oder in Gott hinein Scheiternden hin- und herspielt.“ Die philosophischen Gestalten von Friedrich Nietzsche und Sören Kierkegaard, die er anführt, werden in „Ungewissheit und Wagnis“ als an der „Insecuritas humana“, an der menschlichen Ungesichertheit Gescheiterte vorgestellt. Will die Vernunft Gott denken und für die Existenz des Menschen relevant erklären, gerät sie in die tiefe Not der Ungewissheit. In Auseinandersetzung mit Karl Jaspers versucht Wust, diese Not zu entschlüsseln. Man kann die Existenz des Menschen nicht an die falsche Vernunft verraten, die sich im Nihilismus in tragischer oder im Glaubensabsolutismus in fataler Sicherheit wiegt. Es ist ein Wagnis, ein philosophisches Wagnis, aus der Existenz heraus bis an die Grenzen der Vernunft zu gehen, wobei Wust vor einem blinden Wagnis im Angesicht der Ungewissheit warnt, weil Ungewissheit eben keine absolute ist und kein absolutes Dunkel. Wust spricht vom „Halbdunkel, aus dem sich der Mensch durch das Wagnis der Weisheit zum vollen Licht durchkämpfen soll“. Im Folgenden beschreibt er das „Wagnis der Weisheit“ als Motivation, auf dem Weg und unterwegs bleiben zu können zu einer Vollendung und Sicherheit. Die Weisheit bleibt offen und wird nicht einfach satt an Wissen. Sie bleibt offen in der Möglichkeit der Begegnung mit Gott, der ungewiss bleibt. Selbst die Offenbarung nimmt nicht einfach den Schleier weg, weil die ungewisse einzelne Existenz danach fragt, ob sie zum Heil bestimmt ist. Peter Wust formuliert „drei Hauptfragen des religiösen Lebensbereiches, vor denen der Mensch in seinem Heilsstreben diese Ungesichertheit am meisten erfährt, nämlich die drei Fragen der religiösen Gottesgewissheit, der Offenbarungsgewissheit und der Heilsgewissheit“ Die Vernunft betritt hier gleichsam einen ins Halbdunkel getauchten übernatürlichen Lebensraum, den alle Rationalität nicht zu erhellen vermag. Die Aufklärung als die rationale Durchforstung der Lebensräume des Menschen kann hier nicht wirklich helfen. Sie hat vielmehr immer wieder bewusst oder unbewusst das sogenannte Halbdunkel als Irrationalität in die Sphäre des Privaten und der Vereinzelung zu pressen versucht. Religion ist im Spiel der Aufklärung einerseits in die Opposition zu einer Laizität geraten, wo die Vernunft herrscht und scheinbar Sicherheit garantiert. Andererseits ist Religion ein freiheitliches Menschenrecht. Dennoch gerät ihr Anspruch auf Lebensgestaltung immer stärker unter Verdacht, unfrei zu machen. Solange die private Lebensgestaltung des Religiösen im Raum des Privaten bleibt, wird ihr gerne jede Freiheit zuerkannt. Wenn heute überall wieder Religion öffentlich wahrgenommen und diskutiert wird, geschieht das leider nicht selten unter der vorgegebenen Meinung, es handele sich hier um etwas der aufgeklärten Rationalität entgegengesetzt Irrationales. Vorbei sind zwar die Zeiten, wo man Religion behandelte wie einen verstorbenen Nachbarn, der seine Geschichte hatte, aber nun höchstens noch hin und wieder auf dem Friedhof besucht wird. Wenn Religion in unseren Gesellschaften auferstanden ist und Europa in seiner modernen Gestalt umtreibt, so muß dies unter den Vorzeichen der Vernunft einerseits und der Bedeutung für die menschliche Existenz andererseits geschehen.

Wir stehen an der Schwelle einer zweiten Aufklärung oder einer „Aufklärung zweiter Ordnung“, die das Verhältnis von Religion und Vernunft nachvollziehbar zu bestimmen hat und die darüber hinaus zu einer neuen und friedlichen Verhältnisbestimmung der heterogenen und heteronomen Denk- und Geisteshaltungen kommen muß. Der Aufklärung erster Ordnung, die sich als Zweckrationalität beschreiben lässt, muß eine Aufklärung zweiter Ordnung folgen, die eine „andere“ Rationalität zur Sprache bringt und wertrational tätig wird. Insofern von einer „Aufklärung zweiter Ordnung“ gesprochen wird, die sich in die geschichtlich gewordene Aufklärung als rationale Durchforstung der Lebenswelt eingliedert, wird deutlich, worum es letztlich gehen wird: um die Neugestaltung einer Kultur der Freiheit. Mit Peter Wust und seiner kritischen Sicht aus den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts könnten wir daran gehen, die moderne „Geisteskühle“ oder die „seelische Erstarrung des modernen Menschen“ anzugehen: „In drei typischen Bewusstseinshaltungen lässt sich am besten die seelische Erstarrung des modernen Menschen erkennen. Es gibt nämlich drei Formen der modernen wertindifferentistischen Ernüchterung der Seele: die pseudoheroische Geisteskühle der sogenannten strengen Wissenschaft, die sentimentale Geisteskühle des Historisten und die philiströse Geisteskühle des oberflächlichen Zivilisationsmenschen unserer Tage.“ Heute müsste man die heilsverheißende Kühle der Ökonomen hinzufügen.

„Wenn du stille wirst, wird dir geholfen.“ Die Stille, die Peter Wust meint, ist nicht eine Friedhofsruhe der Indifferenz, wo alles gleichgültig oder gleich gültig ist. Sie ist auch nicht die Abwesenheit von Lärm. Für ihn hat sie den Geruch und den Laut des Pfarr-hauses von Wahlen, wenn er in seinen Erinnerungen („Gestalten und Gedanken“) schreibt: „Ich lernte nach und nach die gottselige Einsamkeit zu schätzen, die hier in allen Räumen herrschte, und die so auffallend abstach von der lärmenden Geschäf-tigkeit und Geschwätzigkeit, wie man sie so oft in den Bauernhäusern findet, wo kun-terbunt alle durcheinander und gegeneinander redet, ohne sich gegenseitig ein volles, aufmerksames Gehör zu schenken.“ Vielleicht wäre Wust entsetzt darüber, wie sehr die Kirche von heute und auch die katholischen Pfarrhäuser oft den Eindruck von lärmender Geschäftigkeit und Geschwätzigkeit machen, wo man durcheinander und gegeneinander redet, ohne sich aufmerksames Gehört zu schenken. „Wenn du stille wirst, wird dir geholfen.“ Peter Wust hat das Zitat nicht kenntlich gemacht. Wer ihn kannte, wußte, woher es stammte. Es ist ein Wort von Johann Wolfgang von Goethe, den er seit seiner Schülerzeit verehrte. Was ihn bei aller Gegensätzlichkeit immer wieder anzog, war Goethes ungebrochene Zuneigung zum Zauber des Seins, zu der Wust sich geradezu flüchten konnte, wenn ihn die „Entzauberung der Welt“ durch einen kalten Rationalismus frösteln ließ. Das Objektive und Rationale ist dem Philosophen Wust auf dem Weg zur Wahrheit und seiner Suche jeder Mühe wert. Doch die Haltung, wie er sich auf den Weg macht, unterscheidet sich, weil er schon mit jungen Jahren etwas lernt und in seinen Erinnerungen beschreibt, was auch heute noch wesentlich die Qualität unserer Sage von Wahrheit – auch der des Glaubens – ausmacht: das Staunen. „Das Staunen der jungen Seele über das bloße Sosein so vieler Wunder des Daseins und nicht weniger das geradezu atembeklemmende Staunen über das Dasein irgendeines Etwas (wie unbegreiflich, dass überhaupt etwas ’ist’, wirklich da ist und nicht etwa nicht da ist!) schon früh zu wecken und diese unerschöpfliche Quelle aller Ehrfurcht immer wieder zu schützen“, ist Peter Wust eine pädagogische Aufgabe, denn „wie seinsfromm macht doch gerade alles Objektive“. Mit anderen Worten: die Seinsfrömmigkeit macht die Metaphysik, deren Quelle die Ehrfurcht vor dem Sein ist und deren Gegenstand im Staunen aus dem Dasein eines Etwas erwächst. Von hier läßt sich abschließend verstehen, dass Peter Wust nach seiner Schrift „Die Auferstehung der Metaphysik“ von 1920 dieser Ehrfurchtshaltung des Geistes in der Schrift „Naivität und Pietät“ 1925 einen Rahmen gibt. Es geht ihm nämlich immer um den Menschen als ganzen Menschen. „Was ist der Mensch?“ bleibt die beunruhigende Urfrage seiner Philosophie, wenn er sie mit Blick auf Gott und die Religion oder in seiner umfassenden Kulturkritik seiner Zeit stellt. Alles, was nur rational pragmatisch oder nur rational funktional Anspruch erhebt, das Leben und Denken besser zu machen und Freiheit und Wohlstand zu garantieren, hält Wust entgegen, hier mache sich eine „Entmenschlichungstendenz“ breit, die mit der auch heute noch geltenden „Versachlichungstendenz“ zur „seelischen Kälte“ des europäischen Menschen führt. Diese Kälte bekommt in unseren Tagen eine neue Dimension, wenn alle Lebensbereiche – auch der von Ehe und Familie – staatlich und politisch dominiert und ökonomisiert werden. Mit Max Scheler und mit Freunden in Frankreich wie Jacques Maritain oder Paul Claudel geht es Peter Wust um einen liebevollen Weckruf an den Menschen, der in Europa schläfrig geworden ist, weil er sich aufgeklärt wähnt. Es soll die liebevolle Stimme Gottes sein, die den Menschen durch den Mund eines Menschen aufrüttelt zu sich selbst. Es ist die Stimme des Christus. Wenn wir als Christen nur von Religion sprechen oder allgemein von einer Sehnsucht nach Gott, aber nicht Christus deutlicher werden lassen, der uns zutiefst enträtseln kann, was Liebe heißt, bleibt alle Mühe vergebens. Ein Vergleich von Peter Wust, wo dem abendländisch Aufgeklärten der orientalisch Abgeklärte gegenübergestellt wird, macht deutlich, um was es geht. In seinem Weihnachtsbrief 1931 an André Préau schreibt er: „So steht heute abendländische Aufgeklärtheit gegen orientalische Abgeklärtheit. Der Aufgeklärte ist derjenige, der hinter das Sein zu schauen glaubt und dabei das Nichts, das Sein ohne Geheimnis, das ‚entzauberte’ Sein entdeckte. Daher die Öde, die Leere, die Langeweile, die spezifisch moderne Ernüchterung. Der Abgeklärte hat auch die Einsicht, das Wissen, aber es ist ein Wissen um das Sein in all seinem Geheimnis.“

Die Mühe um eine neue Kultur der Freiheit ist es, der mit Blick auf Peter Wust eine bloße Rede von Zivilisation gegenübergestellt wird. Die Zivilisation heute, die zwar stets von Freiheit redet, ihr aber mehr und mehr Fesseln anlegt, um etwas zu schützen, dem man selbst kaum mehr traut, nämlich dem Menschen, wird viel weniger von Fundamentalisten gefährdet als von einer inneren Ermüdung. Dieser zivilisatorischen Ermüdung wird man kaum länger begegnen, indem man Europa zu einem Vergnügungspark machen will. Die säkulare Zivilisation allein wird die vielfältigen Herausforderungen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Fragen kaum bewältigen können. Der Clash of Civilizations bekommt seinen Sprengstoff nicht als „Kampf der Kulturen“, sondern wird eher als Implosion von gesellschaftlichen Kräften zu sehen sein, die sich zerreiben an den Herausforderungen der Zeit und im Kampf der Interessen. Es geht mir hier nicht um eine abschließende Beurteilung dieses Prozesses oder gar um apokalyptische Reiterei. Mir geht es darum, in diesem zivilisatorischen Verände-rungsprozess, in dem wir stehen, nicht sprach- und tatenlos dazustehen. Peter Wust hat Ende der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts darüber geklagt, dass gerade der ka-tholische Klerus „an der modernen Welt vorbeigelebt (hat) und nun nicht einmal mehr die Sprache der modernen Seele“ kennt. Dieser Vorwurf trifft heute sicher nicht mehr unbedingt zu. Aber auch heute gilt es, aufmerksam in dieser Welt zu leben. Aufmerk-samkeit sollte man der Aufgabe schenken, der säkularen Zivilisation eine christliche Kultur hilfreich an die Seite zu stellen. Ich bin nicht mit Wust und vielen heute der Meinung, dass Europa oder das sogenannte Abendland je ganz christlich war und es wieder ein solches werden soll. Europa war immer ein Schmelztiegel vieler Religio-nen. Die christliche Religion kann dennoch als etwas gesehen werden, die „Europa eine Seele“ gibt, weil sie die wohl prägendste Religion gewesen ist, die auf die Kultur der Menschen Einfluss nahm. Wird heute von christlicher Kultur zu reden sein, dann geht es aber gerade nicht um den Anspruch von Macht, sondern um die Wirkmacht von Überzeugungen. Der Katholizismus hat seit der Zeit von Peter Wust viele Lektionen gelernt und ist heute weniger denn je „weltfremd“, selbst wenn viele Zeitgenossen dieses liebgewordene Vorurteil gerne pflegen. Ich möchte dagegen behaupten, dass der christlich-katholische Glaube ein Potential in sich birgt, im säkularen Europa der Moderne eine klare Stimme der Humanität und der Kultur zu sein, der man getrost folgen kann, ohne in den Gräben von Ideologien zu landen oder in Gleichgültigkeit zu ermatten. Die Einigung Europas, die heute vor 50 Jahren in Rom eine vertragliche Grundlage erhielt, ist mit den Worten von Peter Wust eine „Einheit des Überna-tionalen, in der das Besondere der Volkheiten nicht vernichtet wird, sondern aufge-hoben wird in einer Einheit, die zugleich alle Mannigfaltigkeit bewahrt. Es gibt gleich-sam einen übernationalen Raum der Völker, in dem ihre größten Geistesrepräsen-tanten sich die Hände reichen.“ Vieles von dem, was Wust in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts fast schon prophetisch sagte, ist auf den Weg gebracht. Das Übernationale in Kontrast zur „Einerleiheit des Internationalen“ bleibt eine Kulturarbeit, zu der wir gerade als Christen aufgefordert sind. Peter Wust gibt eine Ziellinie an, wenn er am 6.1.1927 in der Kölnischen Volkszeitung schreibt: „Es war noch immer jenes Europa, das nichts weiter kennt als die Wehklagen über die Infernalität der Geschichte, die aus dem Stoff unserer niederen Humanität gebildet ist, und das leider nichts mehr davon weiß, dass wir dazu berufen sind, zu einer höheren Humanität uns kämpfend emporzuringen, vor der alle Erdennot zu nichts vergeht.“

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Dr. Günther Mees (Münster)
Peter Wust, Léon Zeches und die Wallhecken in Münster

Wen der Weg durch das Münsterland führt, der stößt beim Blick über die Felder und Ebenen nicht selten auf Erdwälle, die von dichtem und oft undurchdringlichem Buschwerk bewachsen sind: Wallhecken, vor langer Zeit angelegt, um den Wind zu brechen, das „Wandern“ des Erdbodens zu verhindern und dem Land Halt zu geben. Zugleich sind diese Wallhecken Nist-, Brut- und Schlupfplatz für allerlei Getier. Heimatdichtern dienen sie zur Beschreibung ländlicher Idylle und heiler Stimmungsbilder. Fortschrittlichen, auf Planung, Flurbereinigung, Strukturverbesserung und optimale Ertragswirtschaft Bedachten sind sie nicht nur ein Dorn, sondern gleich eine ganze Dornenhecke im Auge. […]

Wenn auch der Vergleich ein wenig hinkt: Münster und das Münsterland wären nicht jene immer noch kirchentreue Landschaft, wenn sich auf seinen gesellschaftlichen Ebenen nicht „katholische Wallhecken“ befänden: Einrichtungen, Übungen und Gewohnheiten, um den Gläubigen Halt, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln; um neue aufkommende Windzüge mit ihrem manchmal ideologischen Frost zunächst zu brechen, zu filtern, zu kanalisieren und, wenn möglich, auch zu erwärmen; um Möglichkeiten eines ungestörten Brut- und Wachstums für neue Ideen, Richtungen und Gruppierungen zu schaffen.

Die sog. „Bischofsstadt“ Münster mit ihren rund 261 000 Einwohnern wurde und wird auch heute noch äußerlich stärker durch die 45 000 Studenten als durch die 145 000 Katholiken bestimmt. Und doch wirken die Katholiken dieser Stadt wie eine gute Wallhecke: sie brechen den kalten Wind der Ideologen und der Nur-Intellektuellen. Sie vermitteln familiäre Geborgenheit, Ruhe und ungestörte Studienmöglichkeiten, ohne Demos und Krawalle zu verdammen. […]

„Münsteraner wird man“, so heißt ein geläufiges Wort, „indem man das tut, was die Eltern und die Großeltern getan haben“. Wenn man das Überlieferte beseitigt, wie lange wird es dauern, bis das Neue alt und bewährt geworden ist?
Als Peter Wust 1930 Philosophieprofessor an der Universität Münster wurde, konnte man bei ihm nicht unbedingt Begeisterung über diesen Schritt feststellen. „Nun stehe ich hier zwar auf hoher, exponierter Stelle“, schrieb er an den ihm befreundeten saarländischen Bürgermeister Langenfeld, „und doch werde ich das Gefühl nicht los: Hier ist meine Heimat nicht. Ich bin und bleibe nun einmal der arme Siebmacherssohn aus Rissenthal und bin stolz auf diese proletarische Herkunft“. „Aber mich lockten die Wonnen des Geistes, und so opferte ich alles – für ein Linsengericht“.
In Münster konnte er sich bei dem „Linsengericht“ schwer eingewöhnen. Zu der langsa-men und schwerfälligen Art der Westfalen fand er nur allmählich einen Zugang. Er ver-misste die rheinische Spritzigkeit. Was er vorfand, war „viel gediegenes Mittelgut, aber selten eine große Begabung“. […] Später lobte der Philosoph allerdings die Westfalen sehr, weil er den Ernst dieses Menschenschlages, seine kirchliche Treue und Zuverläs-sigkeit schätzen gelernt hatte.

Obwohl Wust mit den besten Empfehlungen seines Kölner Kreises um den Prälaten Robert Grosche und den Pionier der katholischen Rundfunkarbeit, Prälat Bernhard Marschall, nach Münster gekommen war, blieb er in gewisser Weise ein Außenseiter. Er, der „Studienrat“, wie man anfangs im Kollegenkreis tuschelte, war nicht auf dem Wege des Privatdozententums in den Kreis der Universitätslehrer gekommen. „Scheu, ungeschickt und schwerfällig“, wie er sich selbst charakterisierte, musste er unter solchen Reaktionen leiden.

Doch Wust befolgte das, was die „normalen“ Münsteraner verrichteten: Er ging in der Regel 10 Uhr morgens in die stille Dom-Messe und anschließend in das Münsteraner Cafe am Prinzipalmarkt, Schucan, um bei einem Kaffee auswärtige Zeitungen zu lesen. Später residierte er hier, wie alle prominenten Professoren, um Freunde, Studenten und Doktoranden zu treffen. Er liebte diese Kaffeehaus-Bekanntschaften und genoss es, zuweilen unerkannt angenommen zu werden. […]

Wust hatte es im Nachgefolge dieser [Münsteraner Tradition an Feiertagen aufs Land zu fahren, d. Red.] nach Mecklenbeck verschlagen. Heute der westlichste eingemeindete Stadtteil von Münster. Er liebte es, von seiner Stadtwohnung im Geistviertel dorthin zu wandern und lernte dabei seinen besten Freund kennen, den Pfarr-Rektor von St. Anna in Mecklenbeck, Dr. Ferdinand Vorholt. Wust führte den Sonnabend-Nachmittag als neuen Zeitbegriff für seine Studenten ein, mit denen er in den ländlichen Vorort wanderte, um anschließend in der noch bestehenden Gastwirtschaft Lohmann, gegenüber der Kirche, bei Streuselkuchen zu philosophieren. Der Schriftsteller und Publizist Seume ( 1763 – 1810 ) hatte es ihm mit seinem „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ angetan, dem er das von ihm zitierte Motto entnahm „Wenn man geht, geht vieles besser“.

So wuchs Peter Wust in die Münsteraner Gesellschaft hinein und wurde ein Teil jener geistigen Wallhecke, deren Einrichtungen, Gewohnheiten und Übungen den Menschen Halt und Sicherheit vermittelten in einer Zeit, deren Zeichen für Empfindsame wie Wust bereits auf Sturm standen.

Wust war in Münster Nachfolger von Prof. Max Ettlinger geworden. Ettlinger wiederum leitete das 1922 im Rathausfestsaal zu Münster gegründete „Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik“, das von der Deutschen Bischofskonferenz unterstützt wurde […].

Peter Wust erschlossen sich hierdurch neue Kontakte zu dem Institut und den hier tätigen Dozenten und Förderern. Um nur einige zu nennen: die Theologie-Professoren Mausbach und Steffes, der seine Laufbahn übrigens als Kaplan in Mayen begonnen hatte. Bernhard Rosenmöller, Ordinarius für Philosophie in Breslau, Prof. Dr. Kurt Haase, Dr. Wilhelm Hansen und Prof. Dr. H. Brunnengräber. 1932 kam die Dozentin Dr. Edith Stein hinzu, die für Peter Wust eine besondere Bedeutung erhalten sollte. Weitere Theologen bereicherten das wissenschaftliche und gesellschaftliche Umfeld von Wust in Münster: So der Dogmatiker Michael Schmaus, der Kirchenhistoriker Joseph Lortz, der damalige Domprediger Dr. Donders und aus der jungen Generation der später berühmte Philosoph Josef Pieper, dessen Bücher er schätzte, weil sie „etwas anderes (seien) als nur ein historisches Ausgrabungsgeschäft“.

In Münster konnte Wust übrigens vermehrt seinen auch publizistischen Neigungen nachgehen, die er in Köln schon gepflegt hatte, […]. Regelmäßig schrieb er für das leider früh eingegangene „Abendland“, für die „Schildgenossen“, „Orplid“ und die „Deutsche Rundschau“. Die Franziskaner in Münster luden ihn ein, für ihre Priesterzeitschrift „Sacrificatio Nostra“ zu schreiben, was er gerne tat, zumal er sich von der Theologie des Ordens und der Geistigkeit ihrer Mitglieder im „Klösterchen“ am Hörsterplatz stets angezogen fühlte. […]

Karl Pfleger muss man in diesem Zusammenhang erwähnen und auch den damaligen Tageszeitungs-Journalisten Walter Dirks.
Alle diese Kontakte trugen dazu bei, dass er später auf seinem Krankenbett schreiben konnte, das schöne Münster mit seiner urchristlichen Tradition sei ihm Heimat geworden. […]

Mit einem 17 Jahre jüngeren Journalisten, dem Feuilletonredakteur des „Münsterischen Anzeigers“, den heutigen „Westfälischen Nachrichten“, Wilhelm Vernekohl, kam er in einen engeren Kontakt. Vernekohl, wie etliche bedeutende „Münsteraner“, war, wie der gegenwärtige Bischof Lettmann, nicht in Münster, sondern in Datteln geboren und hatte offenbar ein Gespür für die geistige Wirksamkeit dieses von etlichen Einheimischen verkannten scheuen und gelegentlich depresssiv gestimmten Philosophen aus dem Saarland. Vernekohl gehörte als Nichtstudent bald zu den bevorzugten „Jüngern“ des „Philosophen aus Münster“, wie Wust bereits zwei Jahre nach Beginn seiner Lehrtätigkeit anerkennend genannt wurde. Der größte Hörsaal fasste nur noch mit Gedränge die jeweils über 300 Studenten oder Zuhörer. Wust hatte in der damals bereits sprachlich pervertierten Zeit eine Ausdrucksform gefunden, die vielen als ein Lebens- und Seinsersatz galt. Wilhelm Vernekohl hatte Wust ermutigt, für das Pfingstfest 1933 einen Artikel zu schreiben, der Aufsehen erregte, weil er darin nicht nur ein Bekenntnis zum Geist, sondern zum Heiligen Geist ablegte. Dies wurde als eine entschiedene Absage an die damaligen Machthaber gedeutet, und dies umso mehr, da Wust in seinem Aufsatz von dem Kollektiv-Schicksal des Abendlandes sprach – eine Mahnung und Warnung zugleich.

Vernekohl, der einen vertraulichen Zugang zu Wust hatte, schildert ihn als einen sensib-len Mann, der in seiner Wohnung kein Telefon haben wollte. Wust war es unverständlich, dass man beim Geklapper einer Schreibmaschine noch Gedanken haben konnte. Das Auto sah er kritisch, und im Flugzeug erblickte er die Entfesselung von Kräften, die sich gegen den Menschen auswirken würden. Er weigerte sich, einen Füllfederhalter in die Hand zu nehmen und schrieb deshalb alle Werke, Briefe und Artikel mit der Stahlfeder. Kam es zu Diskussionen über die von ihm angeblich missachtete Fortschrittlichkeit, zog er sich, nach dem Urteil von Vernekohl, gekränkt und verletzt in seine Studierstube zurück.

Doch dies war nicht die Regel. Normalerweise begannen, nach der Erinnerung von Vernekohl, die abendlichen Treffen nicht immer erfreulich. Der Alltag wurde behandelt, der Ärger von vorgestern, das Missgeschick vom Vormittag. Dann kam die sehr unerfreuliche Politik in jenen Jahren und schließlich die Philosophie. Erst, so Vernekohl, wenn die große Pfeife brannte, verwandelte sich der kleine Mann hinter dem Schreibtisch in „Sokrates“ Mit unerhörtem Ernst und beschwörendem Pathos verkündete er seine Thesen. […] Da durfte keine Gegenrede aufkommen. Sie hätte seine Eingebungen verjagt, seinen Gedankengang verstört. Ein Zwiegespräch mit ihm war nicht leicht. Er war ein pathetischer Denker, der für sich und über sich philosophierend nicht des Disputs bedurfte. Das große Pathos war ein Stück seines Wesens.

So Vernekohl, der nach dem Krieg zum Kulturdezernenten der Stadt Münster gewählt wurde und sich intensiv dem literarischen Werk von Peter Wust gewidmet hat.
Seinem journalistischen Einsatz verdanken wir übrigens auch den besonderen Kontakt zu Edith Stein, die ja seit 1932 als Dozentin am „Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik“ tätig war.

Man darf sich fragen, warum die pädagogisch-wissenschaftliche Bedeutung von Edith Stein heute nicht gewinnbringend für unsere Gesellschaft und ihre gegenwärtigen Probleme erkannt worden ist. Das Erscheinungsbild dieser in jeder Weise vorbildlichen und verehrungswürdigen Frau scheint durch den Heiligsprechungs-Prozess auf das Frömmigkeitsbild einer jüdischstämmigen Märtyrer-Nonne reduziert worden zu sein.

Doch bereits in den zwanziger Jahren hatte sie vor allem in Vorträgen in Kaiserslautern und Speyer den klösterlichen Bildungsanstalten ins Stammbuch geschrieben, dass man das, was an Individualität und Tauf-Gnade im einzelnen da ist, nicht erzwingen könne, und sie warnte deshalb vor Kontrollen und Überwachungen des Kirchenbesuchs oder gar des Sakramenten-Empfangs. […] Und wo gibt es eine aktuellere Aussage zur Berufstätigkeit der Frau als bei Edith Stein, die damals jeder Frau, […], zu gründlicher und sachlicher Arbeit rät, um so die eigene Wesensgestalt zu entwickeln. […]
Peter Wust war über das „Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik“ in einen ihn bewegenden Kontakt zu Edith Stein gekommen. […]Aufschlussreich ist ein Bekenntnis von Wust über Edith Stein, die er als ein Vorbild für die Loslösung des inneren Menschen von allen selbstischen Interessen und selbstgenießerischen Bespiegelungen bezeichnet. Er gehe immer wieder an das Gitter zum Karmel in Köln, um mit dieser heiligmäßigen klugen Frau über sein Innerstes zu sprechen, über sein geistliches Leben. Er habe in ihr das große Beispiel vor Augen gehabt: „eine Philosophin mit reich begabtem Geist, die jetzt, als demütige Magd, gehorsam dienend, geringe Arbeit leistet: Lampen putzen , spülen, um an der Leidensnachfolge Christi teilzunehmen, die wichtiger sei als Bücher schreiben und das Wirken in der Welt.“

Es blieb nicht aus, dass das antinationalsozialistische „katholische Gespinst“, das sich in Münster aus der Universität, dem „Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik“, dem Domplatz und den katholischen Verbänden, vor allem der katholischen Arbeiterbewegung, gebildet hatte, den Nazis mehr als ein Dorn im Auge war. So wurden zunächst alle möglichen Verschwörer gegen das Nazi-Regime überwacht. Die Schriften von Wust an seine Studenten, die für ihn eine persönliche Kontaktnahme waren, wurden konfisziert. Er selbst hatte angesichts dieser Vorkommnisse viele Überlegungen, die ihn pessimistisch für das Abendland und die von ihm beschworene Endzeit stimmten. Den Wettlauf um die Macht auf unserem Kontinent sah er im Gange, und „niemand weiß, ob wir wirklich schon davongekommen sind“. Wust vertraute in dieser Zeit offensichtlich auf Rückendeckung durch die örtliche Kirchenhoheit.

Bischof Clemens August Graf von Galen, der 1933 den seit 1913 regierenden Bischof Poggenburg abgelöst hatte, galt einigen Nationalgesinnten anfänglich, wegen seiner deutschnationalen Haltung, als eine Hoffnung im Hinblick auf eine Aussöhnung der sich anbahnenden Gegensätze. Doch von Galen entwickelte sich bekanntlich radikal anders. Zu Peter Wust hatte er keine besonderen Kontakte. Eine Philosophie mit „Ungewissheit und Wagnis“ war nicht sein Fall. […]

In den Jahren seit 1936 verband beide allerdings die Ahnung von dem kommenden Untergang. Wust sah sie vor allem aus dem kommunistischen Osten androhen. Seine Warnungen, die sich aber nicht allein auf die Gefahr aus dem Osten bezogen, wurden mehr und mehr als Geheimbriefe innerhalb Deutschlands und darüber hinaus versandt. Die Gestapo schritt ein, verbot den Versand und bestrafte die Weitergabe.
Dass man nicht persönlich gegen Wust vorging, geht offenbar auf eine Weisung aus Berlin zurück: „Münster, seinen Bischof und all die anderen „Konsorten“ nehmen wir uns nach dem erfolgreichen Krieg vor“, so raunte man. Jetzt, zur Zeit des Krieges war das inopportun, zumal sich ein erfolgreicher Jagdflieger, der Katholik Mölders, für von Galen eingesetzt hatte, um das treue katholische Volk, das auch national eingestellt war, nicht herauszufordern.

Wust, auf den Tod durch Oberkieferkrebs erkrankt, erbat sich in seinen letzten Tagen den Wunsch, auf dem Friedhof in dem von ihm sonntäglich erschrittenen Mecklenbeck beerdigt zu werden. Hier ruht er nun, links vom Kreuz, mit seinem auf der rechten Seite bestatteten Freund Vorholt.

Der damalige Bischof von Münster und spätere Kardinal von Galen hat kurz nach dem Tod von Peter Wust, der sich zuvor von ihm persönlich verabschiedet hatte, am 15. Mai 1940 einen Hirtenbrief an die katholische Jugend geschrieben, in dem er den Wissen-schaftler Wust beispielhaft wegen seines Glaubenslebens und der von ihm „als Mensch und Gelehrter“ offen bekannten christlichen Grundsätze würdigte. Dies ist der letzte und vielleicht auch bedeutendste Gruß aus Münster an den Bekenner aus dem Saarland.
In dieser Würdigung des stillen aber eindringlich und generationennachhaltig wirkenden Philosophen aus dem für viele Zeitgenossen unbekannten Rissenthal wird zugleich die Begründung deutlich, welche die Katholische Akademie Trier und die Christliche Erwachsenenbildung e.V. bewogen haben, den Generaldirektor der Saint-Paul-Gruppe in Luxemburg und Chefredakteur des „Luxemburger Wort“ […] mit dem „Peter-Wust-Preis“ auszuzeichnen.

Der bereits mehrfach in Luxemburg und Frankreich geehrte Zeches habe sich auf den unterschiedlichsten Themenfeldern mit „noblem Stil“ der christlichen Ethik gewidmet und so zu „Erhellung des menschlichen Daseins aus christlichem Glauben“ beigetragen. Als er 1997 vom französischen Präsidenten Jacques Chirac mit dem Orden der Ehrenlegion im Grad eines Offiziers ausgezeichnet wurde, hieß es in der mündlichen Begründung, man ehre hiermit einen „engagierten, unkonformistischen katholischen Intellektuellen, der als Journalist eine Ethik, eine Moral und eine vernünftige und überlegte Linie verfolgt, ohne den kritischen Geist zu opfern“.
Wer heute in Luxemburg in unserer sog. „multikulturellen“ Welt eine ethische und moralische Wegweisung sucht, findet sie im „Luxemburger Wort“, und er wird - nicht nur als Christ – von dem Chefredakteur des Blattes eine Orientierung erhalten, die im Zeitalter eines unverbindlichen Allerwelt-Journalismus einen heute mehr denn ja erwarteten wertegeprägten Lebenssinn und Lebensmut vermittelt.
Ich finde in dem Leben meines Berufskollegen und Freundes aber auch zugleich Weg-spuren und Sinnspuren, die auf Peter Wust hinweisen bzw. von ihm ausgehen.
Da ist zunächst die gesellschaftlich bedeutsame Verpflichtung einer umfassenden humanistischen Bildung, für die auch das Musikstudium kein Nebenton war. […]
Studien in Paris dienten der Wissenserweiterung in den Bereichen Soziologie und Journalismus. Dass der 1942 geborene Luxemburger sich mit einer deutschen Journalistin verheiratete, […], darf sicherlich auch unter dem Kapitel „Wissenserweiterung“ erwähnt werden.

Das Volontariat bei der Tageszeitung „Rheinische Post“ in Düsseldorf unter Dr. Karl Bringmann, dem ersten Chefredakteur der „Katholischen Nachrichten-Agentur“, erbrachte dienliche Erfahrungen für die Tätigkeit ab 1968 beim „Luxemburger Wort“ in der Kultur- und Außenpolitischen Redaktion. Leitartikelschreiber wurde er bereits 1974 und Beigeordneter Chefredakteur ein Jahr später.

Léon Zeches wird es nicht gerne hören, doch ich muss es erwähnen, um ein einigermaßen vollständiges Bild seiner umfangreichen Tätigkeiten zu liefern: 1986 wurde er Chefredakteur des „Luxemburger Wort“ und der „Wochenzeitung für Europäer“, eine gute verlegerische Europa-Idee, die allerdings, weil damals für Europa offenbar zu früh, als „Flop“ endete. Erfolgreich erwiesen sich nahezu alle anderen Publikationen der Verlagsgruppe „Saint Paul“, für die er seit 1995 als Direktor zuständig war „La Voix du Luxembourg“, „Telecran“, die portugiesische Wochenzeitung „Contacto“, die Kulturzeitschrift „Nos Cahiers“, das geschichtswissenschaftliche Vierteljahresheft „Hemecht“ und andere mehr.
Nur mit Hilfe von auswärtigen Experten vermag ich die zahlreichen Ämter, Vorsitzendenpositionen, Geschäftsführungsposten, Gründungsmitglieder-Eigenschaften und Mitgliedspositionen in der Medienwelt auf die „Reihe Zeches“ zu bringen. Sie umfassen viele ehrenamtliche Tätigkeiten, die sich natürlich dem eigenen Land widmen, dem Luxemburger Presserat, der luxemburgischen Journalistenvereinigung, der Luxemburger UNESCO-Kommission, der luxemburgischen Liga gegen Rassismus und Antisemitismus.
Über die Landesgrenzen hinaus widmet er sich den grenzüberschreitenden Perspektiven mit Belgien. Er ist Gründungsmitglied der „Trierisch-Luxemburger Gespräche“, Mitglied des Aufsichtsrats der Paulinus-Mediengesellschaft Trier, Gründungsmitglied der Stiftung „Forum Europa“, der über Luxemburg hinaus kulturell, pädagogisch und gesellschaftspolitisch tätigen Großregion Saar-Lor-Lux sowie westliches Rheinland-Pfalz und Wallonien in Belgien. Léon Zeches ist Mitglied der Europäischen Akademie Otzenhausen. Und wir treffen uns fast regelmäßig in den Gremien der „Union Catholique Internationale de la Presse“ seit 1968, der Léon Zeches als Ratsmitglied, als Präsident der Tageszeitungen und Mitglied des Zentralvorstandes angehört.

Dass ihm die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Volker Schlöndorff bei der Realisierung des erfolgreichen Films „Der neunte Tag“ besonderen beruflichen Spaß gemacht hat, möchte ich nur nebenbei erwähnen, um mich hiermit zugleich der Aufzählung jener Themen zu entziehen, die Léon Zeches leidenschaftliches Interesse gefunden haben und immer heute erneut finden.
Ich könnte noch manches Interessante über seine vielfachen Vortragstätigkeiten berichten, über seine Aktivitäten im Vatikan , dem er als Consultor des Päpstlichen Kulturrats verbunden ist.

Wenn Sie alle bevorzugten Themen seiner publizistischen Tätigkeit kennen lernen möchten, kann ich Ihnen nur raten: Lesen Sie das „Luxemburger Wort“ und bedienen Sie sich der vielfachen Produkte des katholischen Luxemburger Medienhauses „Saint Paul“, dem Leon Zeches, in der Weiterführung der Tradition seines Vorgängers Msgr. Andre Heiderscheid und gestärkt durch die Kollegialität einer vorzüglichen Medien-Mannschaft, zu einer über Luxemburg hinaus weisenden Beachtung verschafft hat.
Was bleibt nach dieser Würdigung eines Mannes, der mit einem Preis in Erinnerung an einen Lehrer und Bekenner aus dem Saarland, der in Münster seine letzte Heimat fand, ausgezeichnet wird?
[…]

Herzlichen Dank für alles.

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Léon Zeches
„Cui resistite fortes in fide“
Das Friedenswerk Europa im Spannungsfeld zwischen
gestern und heute

Peter Wust, der unter dem Verlust der kulturellen Unschuld in Deutschland als Widerständler innerlich schwer zu leiden hatte, bevor er 1940 starb, würde den heutigen Gedenktag der Unterzeichung der Römischen Verträge vor 50 Jahren wohl mit einem lachenden und einem weinenden Auge begehen.

Gegönnt hätte man dem bedeutenden europäischen Kultur- und Zivilisationskritiker, die Stunde der großen europäischen Läuterung am 25. März 1957 mitzuerleben, wo die Unschuld zwar nicht wiederhergestellt werden konnte, das Erwachsensein, „l’âge de raison“ aber so offensichtlich wurde wie nie vorher in Europas Geschichte, deren makabren Orientierungsmarkierungen stets vor allem die Kriege gewesen waren. Das Erwachsensein, die Reife zeigte sich weniger in der Schaffung des Vertragswerkes von Rom, als vielmehr in einer globalen europäischen Vision und dem gemeinsamen, dezidierten Willen bedeutender Politiker der ersten Jahre nach der Stunde null, die europageschichtliche polemologische Antithese unter Beweis zu stellen.

Nun mögen kritische Geister, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, argumentieren, dass nach einer Menschheitskatastrophe wie dem Zweiten Weltkrieg die ungewöhnlich lange Friedensepoche, die danach folgte, ihre sicherste Garantie in dem nachhaltigen Schrecken und der Bedrohung durch den Kalten Krieg, also in der baren Angst gefunden haben könnte. Mit anderen Worten und in freier Abwandlung eines zentralen Elements der Existenzphilosophie, sprich der vorrangigen Bedeutung der konkreten Analyse des Gelebten vor den abstrakten philosophischen Systemen, könnte sich der überlebende Trümmermensch in seiner scheinbar ausweglosen Angst zur Flucht nach vorn in eine europäische Irenik, einen neuen Humanismus mit oder ohne Gott entschieden haben. Wie viele Millionen Lebende schlossen sich nach dem ge-waltsamen Massentod von 55 Millionen Menschen der Achse „Theodizee – Atheismus – Existenzialismus“ an? Der atheistische Existenzialismus hatte seine Hoch-Zeit nicht von ungefähr in den Nachkriegsjahren.

Nach der globalen Negierung aller Werte in den wohl dunkelsten Jahren der Geschichte stand die Frage nach dem Sinn des Seins, […], diesmal wie eine scheinbar undurchdringliche Stahlbetonmauer vor den betäubten Überlebenden. […] Allein die Tatsache, dass der Mensch existiert, wurde von vielen nun mehr denn je als absurd gewertet, d.h. bar jeder Bedeutung. Sartre brachte es auf seine berühmte Formel: „L’existence précède l’essence“. Die Existenz geht der Essenz voraus. Das heißt, „der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht“, völlig allein verantwortlich für das, was er ist, ein Menschenbild angeblich totaler Freiheit also, ohne transzendentale Ebenbildlichkeit, eine Existenz, die die Nicht-Existenz Gottes, den offenen Atheismus postuliert und impliziert. Der Existenzialismus kam also den Traumatisierten der unmittelbaren Nachkriegszeit als Fluchtmöglichkeit vor der Existenzangst durch angebliche Selbstbefreiung entgegen und war ein Fanal für alle, die ohnehin nach einer philosophisch halbwegs plausiblen Bestätigung ihres Atheismus suchten.

Aber nicht nur Sartres und Camus’ atheistischer Existenzialismus suchte einen Aus-weg aus der metaphysischen Angst. Es brauchte nicht der relativ schnellen Reaktion der Kirche, die den Existenzialismus 1950 in der Enzyklika „Humani generis“, […], zu den gefährlichen Tendenzen der damaligen Philosophie zählte, um daneben eine starke Strömung ebenfalls seit Jahrzehnten sich entwickelnder christlicher Existenz-philosophie noch an Bedeutung gewinnen zu lassen.

Die metaphysische Angst in der Sicht der christlichen Existenzphilosophie ist vor al-lem bedingt durch die Unermesslichkeit und die absolute Transzendenz Gottes, die den Menschen sich seiner Endlichkeit bewusst werden lassen und ihn dazu bewegen, in Bezug auf seine Existenz nicht nur eine ethische, sondern auch eine religiöse Wahl zu treffen. Noch mehr als der Atheismus prägte die Zuflucht zu Gott den europäischen Menschen. Wer glaubt, weiß um die Freiheit des Denkens und Handelns, die ihm der Schöpfer lässt. Krieg und Gewalt bedeuten Abwendung des Menschen von Gott. Der Gräuel von 55 Millionen Toten war Menschenwerk, eben Abwendung von Gott. Nur ehrliche Wiederhinwendung zu Ihm, so waren nach dem Krieg viele überzeugt, könnte den Weg zur Achtung der Personenwürde und der Menschen- und Völkerrechte und so zu dauerhaftem Frieden weisen. […]

Ein halbes Jahrhundert später haben die Vorzeichen gewechselt, weniger die der prinzipiellen Bereitschaft zum Frieden als die des Bekenntnisses zu den genuin eu-ropäischen kulturellen und ergo impliciter christlichen Wurzeln des Kontinents. Aber auch in der Einstellung zum vertraglichen Kernelement Frieden hat sich manches geändert. Auf einem Symposium in Frankreich, wo ich kürzlich einen Vortrag über die Bedeutung des Römischen Vertragswerks für die kleinen, schutzlosen Länder zu hal-ten hatte, fiel von der Eröffnungsrede am Morgen bis zu meiner Intervention am Nachmittag kein einziges Mal das Wort Frieden, […].

[…]

Sicher findet die allmählich zunehmende Blässe des europäischen Oberbegriffs Frie-den ihre Erklärung im Wechsel von der Schicksalsgemeinschaft der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen hin zu den kriegsfrei aufgewachsenen jüngeren Europäern von heute. Hinzu kommt eine kausal weitgehend mit dem Nicht-Kriegs-Zustand zu-sammenhängende Geringschätzung einer Reihe von Werten, denen Stimulantes wie Krieg und seine pandemische Angst besonders scharfe Konturen verliehen hatten. Der Frieden, so wie der materialistisch-hedonistisch charakterisierte Wohlstand, ist mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden.

Kriege und Feindschaften hatten die quasi als Konstante einzustufende zivilisatori-sche Einheit Europas nicht beseitigt. Diese Einheit aber weist gerade in den heutigen Friedenszeiten Risse auf, die ihre Zukunft stärker in Frage stellen könnten denn je, bei allem scheinbaren Zynismus mit Blick auf die oben angesprochene dunkelste Epoche der Menschheit. Die in Rom grundgelegte Einheit zeitigt mittlerweile nämlich kulturelle und anthropologische Defizite anfangs ungeahnten Ausmaßes.

Selbstverständlich hat sich Europa in und mit der Welt in kürzester Zeit mehr verändert als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Doch kein Fortschritt auf gleich welchem Gebiet muss vom Menschen, sofern er will, als gleichzeitig unabwendbarer Zwang zur Aufgabe fundamentaler Werte und Errungenschaften akzeptiert werden.

[…]

Gerade die Transgression dieser geschichtlichen Konstante Europas ist Grund zur Beunruhigung. Nun wissen wir, dass der Quasi-Zwang zu bestimmten religiösen Verhaltensweisen Jahrhunderte lang in der zivilen Gesellschaft verankert war und der moderne westliche, besonders der europäische Mensch erst vor kurzem in dieser Beziehung wirklich frei wurde. Damit wurde aber nicht nur der Blick auf die religiöse Wirklichkeit frei, was zu begrüßen ist, sondern es füllte sich ziemlich schnell die so enthüllte virtuelle Leere mit von kaum jemand für möglich gehaltenem, neoreligiösem Hang ohne festes Ziel.

Angesichts der Atomisierung der Neospiritualität (aus dem „Ja zu Gott, aber Nein zur Kirche“ der sechziger Jahre wurde ein „Ja zur Religion, aber Nein zu Gott“ oder „Ja zur Religiosität, aber Nein zu Gott“) ist eine Beziehung zu einem persönlichen und personalen Gott am Verschwinden. Die steuerlose Indifferenz und das praktische Nicht-Glauben scheinen problematischer, unfassbarer als der Atheismus. Nicht der Atheismus ist der Nährboden der heutigen Säkularisierung, sondern die sich ausbrei-tende Auffassung eines neuen, bewusst postchristlichen kulturellen Modells, das u.a. von dem Verlust des Respekts vor der Person und der Verbreitung einer Art anthro-pologischen Nihilismus gekennzeichnet ist, der den Menschen auf seine Instinkte und Tendenzen reduziert.

Aber von welchem kulturellen Modell sprechen wir, das seine Wurzeln nicht kennt? Erkennt Europa die damit für europäisches Werden verbundenen Gefahren? […]
Die „neue“ Kultur im Westen und insbesondere in Europa resümiert sich in der Hauptsache in einem weit ausholenden Subjektivismus, der sich als Humanismus ausgibt, aber das Ich und das Sich als einzige, egoistische, narzisstische Referenz hat, wobei das Individuum an Stelle der menschlichen Gemeinschaft im Zentrum steht. Man kann von einer Art „Glaubensbekenntnis“ zur absoluten Subjektivität des Individuums sprechen.

Ohne Kenntnisse seiner und Bekenntnisse zu seiner eigenen Geschichte, ohne kol-lektives Gedächtnis in Bezug auf die tragische Vergangenheit und die Wahrnehmung und Verinnerlichung des eigentlichen telos [telos: gr. Ziel, angestrebter Zustand, Anm. d. Red.] der Gründer-Philosophie, ohne spirituell-kulturelle Standhaftigkeit und Wahrung des zivilisatorischen Erbes, ohne ethisch wegweisendes Beispiel in allen Bereichen der politischsozialen Kohäsion EU-weit unter Berücksichtigung der schwächeren Mitglieder wird Europa eine ungewisse Zukunft vor sich haben.
Vor 50 Jahren war die Zukunft auch ungewiss, fußte aber auf der Hoffnung und dem Glauben an das Machbare. Die fünfziger Jahre, so durfte man glauben, waren eine Zeit des ????ó?. Heute zeigt sich die europäische Kehrseite der mentalen Wandlungen innerhalb eines halben Jahrhunderts. Für manchen scheint es, als ob man für das große, noch lange nicht vollendete Friedenswerk nur noch beten könne. Doch kein ora ohne labora...

Peter Wust, der im Gebet die „letzte Humilitas des Geistes“ sah, hätte man ge-wünscht, vor 50 Jahren die freudvolle Hoffnung in Rom mitzuerleben. Mit einem la-chenden Auge. Heute würde er möglicherweise mit einem weinenden Auge auf manch offensichtliche Fehlentwicklung des Friedenswerks blicken und mit dem Psalmist vor der bösen Versuchung warnen, vom Glauben an Europa abzufallen: „...cui resistite fortes in fide.“

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Pressemitteilung der Katholischen Akademie Trier und der CEB e.V. vom 23.3.2007

Léon Zeches 25. Peter-Wust-Preisträger –
Katholische Akademie Trier und CEB - Christliche Erwachsenenbildung e.V. ehren Chefredakteur des „Luxemburger Wort“

Der Peter-Wust-Preis 2007 wird im Rahmen einer Feierstunde am Sonntag, den 25. März 2007 um 11.00 Uhr im großen Sendesaal des Saarländischen Rundfunks (SR) auf dem Halberg in Saarbrücken verliehen.

Seit 1975 verleihen die Katholische Akademie Trier und die CEB – Christliche Er-wachsenenbildung e.V. (Merzig) den Peter-Wust-Preis im Gedenken an den saarlän-dischen Philosophen und Hochschullehrer Peter Wust, der am 28. August 1884 in Rissenthal (Gemeinde Losheim am See) geboren wurde und in Münster 1940 starb.
Der im Januar 2007 neu ernannte Generaldirektor der Saint-Paul-Gruppe in Luxem-burg und Chefredakteur des „Luxemburger Wort“, Herr Léon Zeches, wird den Peter-Wust-Preis 2007 erhalten. Er ist damit der 25. Preisträger.

Léon Zeches (64), der als Journalist in Luxemburg und Frankreich höchste Aus-zeichnungen erhielt, ist vielen Menschen seit 1974 vor allem durch seine Leitartikel im Luxemburger Wort vertraut, wo sich der Verstand mit noblem Stil paart und die christliche Ethik in die unterschiedlichsten Themenfelder einbringt und damit zu einer kritischen Auseinandersetzung herausfordert. Nicht die schnelle Feder oder eine ra-sche Problemlösung leiteten ihn, sondern die nüchtern sachliche Durchdringung von Problemen und der liebevolle Blick auf die betroffenen Menschen. Neben seiner höchsten Verantwortung für die Saint-Paul-Gruppe in Luxemburg ist Léon Zeches immer wieder zu Vorträgen bereit oder publiziert Bücher. Europa ist ihm ein Her-zensanliegen, das ihn umtreibt und nicht ruhen läßt. Er ist Gründungsmitglied der Stiftung „Forum Europa“ und Mitbegründer der „Trierisch-Luxemburger Gespräche“ zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Sein Engagement für die Kultur spiegelt sich in seiner Ernennung zum Consultor des Päpstlichen Kulturrates durch Papst Johannes Paul II. im Jahre 2004, aber auch in seiner Liebe zur Musik und zum Film. Mit dem Regisseur Volker Schlöndorff hat er an der Realisierung des Films „Der neunte Tag“ mitgearbeitet. Léon Zeches soziales und politisches Engagement spiegelt sich nicht zuletzt in seinen Aktivitäten gegen den Rassismus.

Mit Léon Zeches ehren die Stifter des Peter-Wust-Preises eine Persönlichkeit „aus dem altlotharingischen Herzland europäischer Kultur“. Im Jahr, wo Luxemburg und die Großregion als Kulturhauptstadt im Blickpunkt Europas steht, ist die Verleihung des Peter-Wust-Preises an Léon Zeches nicht zuletzt eine Dankadresse an die Luxemburger Nachbarn. In Léon Zeches wird ein Luxemburger ausgezeichnet, der ge-mäß dem Statut des Preises zur „Erhellung des menschlichen Daseins aus christli-chem Glauben“ beiträgt.

Der Preis wird einem Europäer an dem Tag verliehen, wo vor 50 Jahren mit den „Römischen Verträgen“ die Grundakten für das moderne Europa geschaffen wurden.

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Wirken für eine gerechte Gesellschaft
Journalist Léon Zeches als 25. Peter-Wust-Preisträger geehrt
 
vlnr. Akademiedirektor Jürgen Doetsch, Preisträger Léon Zeches und CEB-Vorsitzender Gisbert Eisenbarth
 
Saarbrücken – Léon Zeches, Chefredakteur des „Luxemburger Wort“ und neu ernannter Generaldirektor der Verlagsgruppe Saint Paul ist mit dem Peter-Wust-Preis ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung fand am 25. März im Rahmen einer Feierstunde im Großen Sendesaal des Saarländischen Rundfunks in Saarbrücken statt. Viele prominente Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Kirche waren gekommen um den 25. Peter-Wust-Preisträger zu feiern. Gisbert Eisenbarth, Vorsitzender der Christlichen Erwachsenenbildung (CEB) und damit einer der Preisstifterinnen, konnte unter anderen Weihbischof Jörg Michael Peters für das Bistum Trier begrüßen, den Generalvikar des Erzbistums Luxemburg, Mathias Schiltz, den Luxemburger Arbeitsminister Francois Biltgen und den saarländischen Bildungsminister Jürgen Schreier. Für die bisherige Preisträger nahm die ehemalige Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Rita Waschbüsch an der Verleihung teil, die Familie des Namensgebers Peter Wust vertrat dessen Enkelin Ulrike Wust.
 
Jürgen Doetsch, Direktor der Katholischen Akademie Trier und damit der zweiten Preisstifterin, gab einen Einblick in Philosophie und Leben Peter Wusts, des 1884 in Rissenthal geborenen christlichen Philosophen und Hochschullehrers. Nach ihm ist der Preis benannt, mit dem CEB und Katholische Akademie alle zwei Jahre eine Persönlichkeit „aus dem altlotharingischen Herzland europäischer Kultur“ ehren, die beiträgt, zur „Erhellung des menschlichen Daseins aus christlichem Glauben“. Die Verdienste des jüngsten Preisträgers benannte Dr. Günter Mees, ehemaliger Präsident der Katholischen Weltunion der Presse und Freund des Ausgezeichneten. Mees stellte den am 27. Dezember 1942 in Rollengergronn in Luxemburg geborenen Journalisten und Soziologen als Menschen mit umfassender humanistischer und musikalischer Bildung vor. Der überzeugte Europäer sei neben seiner umfangreichen publizistischen Tätigkeit in vielen Ehrenämtern engagiert, darunter in der Luxemburger Unesco-Kommission und der Liga gegen Rassismus und Antisemitismus. Über die Landesgrenzen hinweg widme sich Zeches etwa den „Trierisch-Luxemburger-Gesprächen“, arbeite in der Stiftung „Forum Europa“ mit oder als Mitglied in der Europäischen Akademie in Otzenhausen. Seine Aktivitäten reichten bis in den Vatikan , wo er als Consultor des Päpstlichen Kulturrates tätig sei. Mees betonte, dass mit Léon Zeches „der Preis dem Richtigen und Verdiensten“ verliehen werde.
 
Eisenbarth und Doetsch übereichten Zeches, als jetzt fünftem Peter-Wust-Preisträger aus Luxemburg, die vom Wittlicher Künstler Johannes Scherl geschaffene Bronzeplakette und die Urkunde. Darauf ist zu lesen, dass der Peter-Wust-Preis 2007 an Léon Zeches verliehen wird „für sein Wirken aus christlicher Verantwortung als Journalist und Chefredakteur des Luxemburger Wort und Generaldirektor der Gruppe Saint-Paul in Luxemburg. Sein Wirken für eine gerechte Gesellschaft verbindet sich mit dem Wunsch nach Versöhnung im modernen Europa und dessen Einigung.“
 
Die Verleihungsfeier wurde musikalisch gestaltet vom Schülerorchester des Merziger Peter-Wust-Gymnasiums unter der Leitung von Ute Heupel-Löw.
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